Im Buch gibt Freud Gründe an, die eine frühere Veröffentlichung in Österreich
unmöglich zu machen schienen: >>Wir leben hier in einem katholischen
Land unter dem Schutz dieser Kirche... Wenn unsere Arbeit uns zu einem
Ergebnis führt, das die Religion auf eine Menschheitsneurose reduziert und
ihre großartige Macht in der gleichen Weise aufklärt wie den neurotischen
Zwang bei den einzelnen unserer Patienten, so sind wir sicher, den stärksten
Unwillen der bei uns herrschenden Mächte auf uns zu ziehen... Es würde
wahrscheinlich dazu führen, daß uns die Betätigung in der Psychoanalyse
verboten wird. Jene gewalttätigen Methoden der Unterdrückung sind der Kirche
ja keineswegs fremd...<<
Im vollen Bewußtsein der Tatsache, daß sie sich dem historischen Beweis
entziehen und nur auf Spuren in archäologischen und bibelkundlichen Befunden
stützen können, hat Sigmund Freud folgende Hypothesen aufgestellt:
Amenophis IV. - Echnaton, die Sonne verehrend. Reliefblock (Kalkstein)
aus Tell-el-Amarna. Um 1350 v.Chr. Kairo, Ägyptisches Museum
Nach: Weltkunstgeschichte I, Dt. Buch-Gem. 1964
Den Ausgangspunkt für die Entstehung der monotheistischen jüdischen Religion
bildete eine in Ägypten belegte, ebenfalls monotheistische Religion des Pharao
Amenhotep IV (Regierungszeit 1375-58 vor Chr.). In einer Phase weitgespannten
ägyptischen Imperialismus setzte er als einzigen, von allen eroberten Völkern
annehmbaren Gott den Sonnengott Aton, der schon früher in On, dem späteren
Heliopolis, eine Stätte hatte. Er sollte nicht als Bildnis angebetet oder
durch Opferdienst und magischen Kult verehrt werden, sondern allein durch ein
Leben in Maat, der Wahrheit und Gerechtigkeit.
Der Pharao änderte seinen eigenen Namen in Akhenaton: der Gott Aton ist
zufrieden. Andere Transkriptionen sind Echnaton oder (englisch) Ikhnaton. Nach
seinem Tode wurden die meisten Spuren seiner Religion radikal beseitigt und
die alten Götter wieder eingesetzt, insbesondere der Totengott Osiris,
Beherrscher des Jenseits und populärster aller ägyptischen Götter.
Moses, dessen Name Bestandteil von Pharaonennamen wie Thutmosis ist und dort
Kind des... bedeutet, war ein Ägypter aus dem Hause des Akhenaton,
Statthalter einer von hebräischen Zuwanderern bewohnten Nordprovinz und
Priester des Aton. Die biblische Legende der Aussetzung und Rettung aus dem
Wasser kehrt die Grundstruktur dieses verbreiteten Mythos -- für Freud der
Familienroman aller werdenden Menschen -- so um, daß er von ärmlichen
Eltern zu königlichen Pflegeeltern gerät. Das entspricht ihrem Zweck: Moses
als Hebräer erscheinen zu lassen.
Im Interregnum nach Akhenatons Tod ergriff Moses die Initiative, die Hebräer
seiner Provinz der ägyptischen Herrschaft zu entziehen, um wenigstens unter
ihnen die Religion des Aton zu erhalten. Mit der ägyptischen Sitte der
Beschneidung kennzeichnete er sie als einzigartiges Volk dieses einzigen
Gottes; mit der Versprechung des gelobten Landes bewegte er sie zum Zug durch
die Wüste. Wolken- und Feuersäule als Leitzeichen sind ein Vorgriff der
Legende auf den späteren Jahwe. Der Untergang eines ägyptischen Heeres im
Schilf des Roten Meeres dämpfte die erste Revolte der Hebräer gegen Moses.
Solche Revolten gegen die Kargheit und Strenge der auferlegten Religion und
Hungersnot während des Zuges durch die Wüste wiederholten sich. Schließlich
entledigten die Hebräer sich dieses Moses: im Buch Hosea finden sich
Andeutungen des Mordes, der den - aus menschlicher Vorgeschichte stammenden
- mythischen Vatermord wiederholte.
Die Aton-Tradition und die Erinnerung an das Schicksal des Moses blieben
zunächst in der Überlieferung seines bisherigen ägyptischen Gefolges, der
biblischen Leviten, erhalten. Von den Hebräern wurde sie ins Unbewußte ihres
Stammes verdrängt. Inzwischen vergingen Generationen, in denen diese Hebräer
durch Kontakt mit Arabien die Religion eines Vulkangottes Jahwe annahmen. Er
mag ein Naturgott neben vielen anderen gewesen sein. Der Moses, den die Bibel
als Beauftragten dieses zornigen, jäh ausbrechenden Jahwe nennt, war sicher
nicht der ebenso genannte Ägypter: die Identifizierung von beiden ist Teil der
Verdrängung.
Abermals später kam es zur Vereinigung der aus Ägypten gezogenen mit anderen
in Palästina ansässigen hebräischen Stämmen. Sie schlug sich in den Texten der
Bibel nieder, die neben Beiträgen des Jahwisten solche eines Elohisten
enthält, welche sichtlich auf Traditionen der Aton-Religion zurückgehen. So
geben die Schriften einen Kompromiß zwischen beiden wieder. Die politische
Vereinigung zerfiel später wieder in Nord- und Südreich, Juda und Israel.
Ebendort wirkten nun die verdrängten Traditionen zur Entwicklung der
monotheistischen, bilder- und kultfeindlichen, allein nach Wahrheit und
Gerechtigkeit strebenden Religion, die sich in der schließlich uns
überlieferten Fassung des Hexateuch ausdrückt. Der Tiefenpsychologe Freud
sieht diesen Vorgang analog zur Wirkung eines Kindheitstraumas in vielen
seiner einzelnen Patienten: Verdrängtes kommt nach langer Latenz zwanghaft zum
Durchbruch ins Bewußtsein.