Salvador Dalís Sorgfalt

Bibliographische Angaben


Everling, Wolfgang: Salvador Dalís Sorgfalt
pp. 67 - 83, dazu 8 ganzseitige Farbtafeln, in

Deutsches Dante-Jahrbuch 75. Band 2000
Böhlau-Verlag Köln Weimar Wien (2000)
ISSN 0070-444X, DM 58,-

Nachträge

Titelbild| Copyright| Drucktechnik| Ein weiterer Fall: Freuds Moses

17. Januar 2002
Der engagierten Auskunftsbereitschaft von Dr. Zepeda verdanke ich auch die ersten genauen Angaben über die im Jahr 1964 entstandene italienische Buchausgabe im Verlag Arti e Scienze - Salani. Diese benutzte Drucke von LES HEURES CLAIRES, Paris, ordnete sie aber dem italienischen Text - in der Fassung von Vandelli 1921 - anders ein als die französische Ausgabe. Dazu entstand ein Index mit anderen als den französischen Bildtiteln.
Der italienische Herausgeber war mit der Commedia etwas besser vertraut, so daß er einige besonders offensichtlich falsche Zuordnungen zum Text berichtigt hat. Da er aber auch daran festhielt, jedem Gesang eine Illustration beizugeben, hat er viele der falschen Zuordnungen belassen und sogar neue erzeugt.
Die Ordnung dieser Ausgabe hat Albert Field für seinen 'Official Catalogue...' benutzt, und ich habe sie dort erstmals wahrgenommen.Deshalb habe ich sie bei der Beschreibung in meinem Aufsatz nach ihm benannt.

Mit diesem letzten Nachtrag ist auch die Arbeit an meinem Ausstellungskatalog zu einem guten Abschluß gekommen. Deshalb zeigt die Anfangsseite jetzt neben dem Wegweiser seinen Außentitel.

21. November 2001
In diesen Tagen erhielt ich durch das Entgegenkommen eines Dalí-Experten, Dr. jur. Enrique E. Zepeda-Vázquez in Madrid, Einblick in den Ausstellungskatalog Rom 1954. Ebenso wie der von New York nennt er die Dante-Illustrationen nicht einzeln und in ihrer Anordnung, sondern nur ihre Anzahl 102. Zu meiner Arbeit kann er also nur negativ beitragen; dennoch nehme ich ihn als [CR] in mein Literaturverzeichnis auf.
Aus derselben Quelle erhielt ich den Hinweis, daß im August 2001 ein nordwest- spanischer Museumskatalog für das Inferno Dantes Illustrationen in der Reihenfolge meines Aufsatzes wiedergegeben hat, dessen englische Fassung dem Verfasser, Professor González de Zárate, als unvollständige Kopie vorgelegen haben muß; denn er hat mich nicht als Autor erwähnt und, wie er schrieb, nicht identifizieren und erreichen können...

11. November 2001
Einsichtnahme in Exemplar III/III der von Dalí 1964 oder 1965 mit Buntstift signierten Serien zeigte, daß deren Qualität mit der des Buches übereinstimmt. Die Herkunft des abweichenden und ungenaueren Drucks bleibt dadurch unklar.

28. August 2001
Meine Bearbeitung ausführlicher Bilderläuterungen als Ausstellungstexte (siehe im Wegweiser unten!) hat auch den einzigen für mich noch unsicheren Kontext überzeugend geklärt:
Eine Dreiergruppe stellt nicht Drei Florentiner Diebe aus Gesang 25 dar, sondern Kuppler und Verführer aus Gesang 18. Der Kontext ist
            Und der Gepeitschte wollte sich verbergen.
            Er beugte sich nach vorne, doch vergebens...  Inferno 18, 46-47
Dadurch rückt dieses Bild in der Ordnung nach Kontexten von Platz 25 auf Platz 21 vor, und vier andere Bilder rücken entsprechend weiter. Die Katalogseite zum Inferno zeigt das Ergebnis.

15. August 2000
Das von mir mit den ersten Versen der Commedia verbundene Bildnis des Dante nach Raffael hat bei der französischen Buchausgabe tatsächlich als eine Art Titelbild fungiert. Der Herausgeber brachte zunächst den ersten Teilband des Paradiso auf den Markt, um die verständlicherweise mehr auf das Inferno gerichtete Nachfrage wachzuhalten! So war Dantes Bildnis das als erstes veröffentlichte und wohl auch für diesen Zweck ausgewählt worden.
Die Entscheidung, den Bildern noch eine gerahmte Signatur ohne Datum -- in rötlichen Tönen -- aufzudrucken, fiel erst später. Sie tritt beim Exemplar mit der Nummer 2102 noch nicht, dagegen aber bei 2703 auf.

30. Mai 2001
Schon die sehr kleine Wiedergabe in Baedekers Band über Rom läßt erkennen, wie eng sich Dalí an Raffaels Vorbild gehalten hat. Das gilt für Seitenansicht, Lichtführung, Haltung, Gewandfarbe und Faltenwurf ebenso wie für die Gesichtszüge, die der Petit Larousse einmal zum Stichwort Dante wiedergab; inzwischen wird dort ein etwa 50 Jahre älteres Phantasieporträt von Andrea del Castagno farbig wiedergegeben, das freundlichere Züge zeigt.




13. November 2000
Erst vor kurzem und fast zufällig bekam ich ein Schriftstück vom 13. August 1959 zu Gesicht, in dem Salvador Dalí bestätigt, daß er alle Eigentums- und Reproduktionsrechte an seinen Aquarellen zur Divina Commedia von der Imprimeria dello Stato in Rom zurückerhalten und nun Joseph Forêt in Paris übertragen habe.
Auf meine Nachfrage teilten LES HEURES CLAIRES mit, daß ihr Erwerb der ausschließlichen und unbefristeten Rechte für verkleinerte Reproduktion in einem Vertrag vom 30. Juli 1959 mit Forêt dokumentiert ist. Er betrifft nur hundert der Aquarelle; über die Reproduktion von La Danse besteht ein weiterer Vertrag. Eine der vertraglichen Leistungen von LES HEURES CLAIRES für Forêt war der Druck seiner Luxusausgabe.
Das spätere Dokument bekräftigt also die Rechtsgrundlage des früheren. Über die Anzahl von Aquarellen, die Dalí angefertigt hat, entsteht jedoch zusätzliche Unsicherheit: die Bestätigung vom 13. August 1959 schreibt zweimal von 103 Aquarellen und wiederholt beide Male in Worten (cent-trois), Das ist noch einmal eins mehr als in New York 1954 angekündigt. Weder M. Jean Estrade noch Mr. Albert Field wissen etwas über mehr als 101 Illustrationen zur Commedia -- und von meinen vielen sonstigen kompetenten Gesprächspartnern erst recht keiner.
Beide Dokumente datieren übrigens später als der Arbeitsbeginn bei LES HEURES CLAIRES, den die Arbeitsbeschreibung mit April 1959 angibt.

12.Dezember 2002
Eine der äußerst seltenen Gelegenheiten, die Qualität der Buchdrucke mit der einer Aquarellvorlage zu vergleichen, bot sich mir im Mai 2002 anläßlich der 269. Auktion von Ketterer Kunst. Unter den auch in Hamburg öffentlich gezeigten Objekten sah ich das Aquarell für Bild 24: Wahrsager und Zauberer. Wegen seiner Größe hat mich die Präzision von Dalís Arbeit an Details wie den Haaren von Braue, Schnurrbart und Rattenschwanz geradezu überwältigt.
Aber erst heute kam ich auf den Gedanken, die Katalogabbildung von Ketterer mit meinem Buchexemplar zu vergleichen. Dabei stieß ich zum ersten Mal auf deutliche Unterschiede: Im Druck sind manche Haare viel gröbere Linien als die überaus feinen Pinselstriche im Aquarell! An anderen Stellen sind die Linien des Originals im Druck verschmolzen. Auch der Hintergrund zeigt einen anderen Schatten des Felsens und andere Helligkeitswerte.
   
Aquarell von Dalí (Ausschnitt; Ketterer)                            Buchdruck Les Heures Claires (Ausschnitt)

Inzwischen habe ich mich überzeugt, daß mein Buchblatt keine Ausnahme ist: alle Kataloge seit 1978 zeigen mehr oder weniger deutlich die erwähnten Abweichungen vom Original.
Es scheint, als sei bei diesem Bild die heliographische Reproduktionstechnik derart an Genauigkeitsgrenzen gestoßen, daß Eingriffe von der Hand der Graveure erforderlich wurden. Das wäre eine plausible Erklärung, warum M. Estrade darauf besteht, es handle sich bei den Drucken um Handarbeit: diese war mindestens in Einzelfällen nötig!

30. November 2000
Unter der Lupe zeigt sich die große Genauigkeit, mit der die Reproduktionen von LES HEURES CLAIRES erarbeitet wurden. Vor allem die Drucke mit nur einer Farbe sind dafür aufschlußreich. Die folgenden Ausschnitte sind gegenüber dem Druck auf 1,6 vergrößert wie etwa die originalen Aquarelle.
Der erste zeigt, daß neben deckendem Druck auch durchscheinende Bereiche benutzt wurden. Sie treten vor allem dort auf, wo die Wasserfarben der Vorlage Granulierung zeigen oder der Rauhigkeit der Papieroberfläche folgen. Es ist schwer vorstellbar, so viele Einzelheiten allein durch manuelle und mechanische Methoden herzustellen. LES HEURES CLAIRES besteht auf Handarbeit. Natürlich erfordert schon die Auswahl gedruckter Bereiche und ihrer Farbtöne sehr delikate Entscheidungen!
Der Vergleich zweier verschiedenfarbiger Drucke -- von verschiedenen Drucktafeln -- zeigt außerdem, mit welcher Genauigkeit sich derart feine Einzelheiten der Vorlage von Tafel zu Tafel wiederholen. Am Gesamtbild sind sogar sechs Tafeln mit derselben durchbrochenen Struktur beteiligt.


Einfarbiger Druck, Detail

Späterer Überdruck dazu

Gesamt

Schließlich sind auch zwischen bereichsweise gleichen Drucken, wie sie sich in den Decompositionsreihen zahlreich finden, keine sichtbaren Unterschiede zu erkennen, die auf unregelmäßigen Farbauftrag in der Druckmaschine schließen ließen.

Das nächste Bilderpaar vergleicht entsprechende Partien aus verschiedenen vollständigen Drucken. Es zeigt, daß die Drucke von LES HEURES CLAIRES anderen undatierten Drucken, die Dalís Signatur in Buntstift tragen, an Nuancen weit überlegen sind. Diese späteren Nachdrucke können nicht getreuer sein, weil die Vorlagen inzwischen mindestens teilweise zerstreut waren.


LES HEURES CLAIRES

Unbekannte Herkunft, von Dalí signiert

11. Januar 2001
Weitere Quelle ist [KM], ein Katalog Salvador Dalí, Das Goldene Zeitalter, Hrsg. Richard H. Mayer, Texte von Dr. Kurt Ruppert (beide Bamberg), Rottweil (1994), der nicht im Buchhandel war. Er hat seinen Titel nach Dalís Lithographie L'Age d'Or zum Buch Don Quichote von 1957 ([FC] Original Lithographs 57-1 B, Seite 124), die schon Umschlagbild von [KW] war.
Die Dante-Illustrationen sind in [KM] gar nicht kommentiert. Der Katalog [KG] hat also höchstens allgemeine Informationen über Dalí aus [KM] übernommen; seine vielen sachlichen und Druckfehler der Textseiten 6 bis 37 sind jedenfalls bedauerlich -- von der unstimmigen Bildinterpretation zur Commedia ganz abgesehen!
Ebenfalls unstimmig und wie ohne Kenntnis des illustrierten Textes kommentiert sind in [KM] Dalís Illustrationen zu Sigmund Freuds Buch Moses und der Monotheismus. Deshalb geben die beiden von hier erreichbaren Seiten auch für dieses Werk Hinweise auf die richtigen Kontexte.

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